Bankrut 1

14.01.2024

Bankrut ist schon lange kein Geheimtipp mehr, dennoch unterscheidet er sich von anderen Orten am Meer, denn es gibt hier keine Ladybars, Shoppingmeilen oder andere Plätze, die an Touristenhotspots der Zerstreuung dienen. Das Meer und die Landschaft machen den Reiz aus. Freundliche Menschen, die hier kleine Geschäfte betreiben oder ihr Stück Land beackern. Fischer, die mit kleinen Boote nachts Tintenfische, Seebrassen oder Sardinen für den Lebensunterhalt heimbringen, Restaurantinhaber, die authentische Speisen auf den Tisch bringen, kleine Hotelanlagen, die nur selten voll besetzt sind, machen den Charme des Ortes aus. Man kann stundenlang durch Kokosnusswälder unterbrochen durch Teiche, Wiesen, Felder auf kleinen asphaltierten Straßen entlang radeln oder mit dem Moped erkunden. Wir wohnen wieder im Golden Sea Village, einer Siedlung etwa 3km vom Ortszentrum und 200m vom Meer entfernt. 

Wir haben alle Hände voll zu tun. nicht nur Koffer auspacken, sondern auch die zwei großen Boxen, die bei Michael fast 4 Jahre im Regal auf unsere Rückkehr gewartet haben. Michael ist ein Freund der ersten Stunde. Wir lernten ihn nachmittags in der Gecko Bar kennen, als er und seine Partnerin Eh ihr Anwesen bebauten. Täglich wurden Bauabschnitte, Ärgernisse und Erfolge geteilt. Im Lauf der Jahre ist daraus eine herzliche Freundschaft entstanden. 

Einige Küchenutensilien und Kleidungsstücke müssen entsorgt werden. Die meisten Gegenstände, die wir eingelagert haben, sind funktionstüchtig und haben während der langen Zeit in der Box in feucht-tropischen Klima keinen Schaden genommen.

Es müssen Lebensmittel eingekauft werden. Mit dem Moped muss man mehrmals fahren, wenn der Bedarf am Anfang jedes Aufenthaltes groß ist. Der Donnerstagsmarkt bietet viel Frischware und ich schlage richtig zu. Die Freunde, die sich regelmäßig zu einem Umtrunk treffen, während die Frauen und wenige am Kochen interessierte Männer einkaufen gehen, sind in großer Zahl erschienen. Alle wollen nochmal aus erster Hand wissen, warum wir uns so lange nicht haben sehen lassen. Friedrich erzählt die Geschichte seines Sturzes bereitwillig jedem, der danach fragt.

Abends bleiben wir zuhause. Die Gecko Bar hat noch zu. Leider verschlimmert sich unser Husten während der Nacht. Am nächsten Tag geht Friedrich das erste Mal zu Michael, wo seit geraumer Zeit das Boule Spiel der Männer stattfindet. Auf seinem Grundstück hat er einen überdachten Barbereich bauen lassen. Der Garten hat sich durch das üppige Wachstum der wunderschön angelegten Pflanzen zu einem Paradies entwickelt. Hier trifft man sich gern und Michael und Eh geben sich viel Mühe, ihr Grundstück zu pflegen.

Ich bleibe zuhause, denn ich fühle mich krank. Goofy (eigentlich Hans-Jürgen) kommt vorbei und bringt Ingwer, Limetten, Honig sowie Kräuter zu kauen. Ich fühle mich bestens aufgehoben. Nachts husten wir beide um die Wette. Wir schlafen getrennt, da Friedrich nicht auf der harten Matratze im Doppelbett liegen kann. Im Büro steht ein Einzelbett mit weicher Unterlage. Jeder hat sein eigenes Bad, die sowohl vom Wohnzimmer, als auch von den Schlafzimmern aus zugänglich sind. Somit stören wir uns nachts nicht. 

Morgens sind wir beide wegen der nächtlichen Hustenattacken gerädert. Der Husten hat sich bei Friedrich noch verschlimmert. Samstag ist große Eröffnungsparty in der Gecko Bar. Leider müssen wir passen. Dennoch, Goofys Kräuter helfen mir. Ich schlafe endlich mal wieder 10 Stunden durch. Friedrich hat wie üblich noch länger mit seinem Husten zu tun, aber am Anfang der neuen Woche geht es ihm auch wieder besser. Das ist gut so, denn viele beginnen mit den Vorbereitungen für Heilig Abend  und wir schließen uns an. 

Doch zunächst hat Friedrich ein anderes Problem, dass er aus der Welt schaffen will. Er muss seinen Thai Führerschein so schnell wie möglich verlängern, weil der bereits abgelaufen ist. In ein paar Wochen wäre eine reguläre Führerschein Prüfung für Neulinge fällig. Das will er vermeiden. Etliche Dokumente müssen  bereitgestellt werden. Von unserem Vermieter brauchen wir einen Nachweis über unseren Aufenthaltsort. Stanislav bietet an, uns mit einem Auto, dass er bei einem Bekannten mieten kann, nach Hua Hin zu der Behörde zu fahren. Wir freuen uns über dieses Angebot und nehmen dankend an. Wenige Tage später erfahren wir, dass die lange Fahrt in die 160km entfernte Touristenstadt Hua Hin nicht nötig ist. Wir können in den Grenzort Dan Sinkhon an der Grenze zu Myanmar fahren, nur 60km entfernt. Dort gibt mein Mann 3 Passbilder, den Mietvertrag, Pass-und Visumkopien ab, um einen Stempel von der thailändischen Einreisebehörde nach Zahlung eines Obolus (ohne Quittung!) zu erhalten.  

Nach dem Besuch eines nahegelegenen, großen Supermarktes (zum Glück finde ich hier Gewürzgurken, die es nicht in Bankrut gibt) gehen wir mit Stanislav und seiner Frau Irina eine Pizza essen. Am frühen Nachmittag sind wir zurück in Bankrut. Friedrich fragt, ob Stanislav uns noch ins 20km entfernte Ban Saphan fahren könnte. Dort befindet sich die eigentliche Zulassungsstelle, wo weitere Dokumente, ärztliches Attest ( das Attest kann man sich für kleines Geld in einer Arztpraxis im nahegelegenen Ban Saphan ohne Gesundheitscheck ausstellen lassen) samt dem gerade erhaltenen Schriftstück mit Stempel der Immigration abgegeben werden müssen. 

Zu unserer großen Überraschung muss Friedrich sich auf dem Computer der Behörde einen einstündigen Film über Verkehrsregeln, Verhalten im Straßenverkehr, Ver-und Gebote in englischer Sprache ansehen. Viel sinnvoller, als ihn mit unverständlichen Fragen am Ende jedes Filmabschnittes zu malträtieren wäre es, wenn man Thai people, die größtenteils ohne Führerschein unterwegs sind, diesen Film zeigen würde. Es nützt alles nichts. Eine Klimaanlage bläst uns eiskalt in den Rücken. Leider habe ich unsere Pullover in Bankrut vergessen. Nach Ablauf des Films geben sie immer noch keine Ruhe. Im oberen Stockwerk des Gebäudes muss Friedrich Farbtest, Reaktionstest und Abstandseinschätzungstest über sich ergehen lassen. 

Die Thai Dame, kann kaum Englisch. Mein Mann wird in einiger Entfernung vor eine Vorrichtung gesetzt, in der sich zwei Stifte aufeinander zu bewegen. Wenn diese auf gleicher Höhe sind, muss man einen Knopf betätigen. Friedrich versteht nur Bahnhof. Sie erklärt und erklärt in einem Thai-Englisch Mix. Irgendwann verstehe ich, worum es geht. Friedrich erkennt trotzdem nichts. Er bittet die Frau, die Vorhänge zu schließen, weil das Sonnenlicht ihn blendet. Ich darf ihm vorsagen, wann die Stifte auf gleicher Höhe sind. Vollkommen entnervt werden wir entlassen. 

Nach den Tests geht es wieder zu dem Schalter, an dem man vorher die Papiere abgegeben hatte. Hier muss man das Formular mit den Testergebnissen abgeben, Gebühr bezahlen und erhält nach weiterer Wartezeit seinen Führerschein. Normalerweise  ist der fünf Jahre gültig. Friedrich hat nur 2 Jahre Verlängerung erhalten, weil wir mit einem Touristenvisum eingereist sind. Das andere Visum wäre auch nur 90 Tage gültig gewesen. Wir verstehen die Sinnhaftigkeit nicht. Friedrich ärgert sich, weil die Prozedur in 2 Jahren wiederholt werden muss. Der arme Stanislav hat die ganze Zeit gewartet. Er belohnt sich selbst, indem er bei der Rückfahrt an einem Laden hält, in dem man Cannabis kaufen kann. Ist legal in Thailand. Sein Abend ist gerettet. 

Friedrich ist froh, wieder gültige Thaiführerscheine (jeweils einen für Motorrad und Auto) in der Hand zu halten. Bei Verkehrskontrollen wird man meist durchgewunken, während Touristen mit internationalem Führerschein oft abgezockt werden. Autovermietungen verlangen teilweise einen Thaiführerschein, damit die Versicherung im Schadensfall zahlt. Man kann sich auch mit Führerschein bei der Polizei ausweisen, sollte es zur Kontrolle kommen. Für uns war das Kärtchen Gold wert, als wir 2020 einen Unfall hatten. Davon berichte ich in einem späteren Beitrag.

Jetzt geht es mit großen Schritten auf Weihnachten zu. Wir bestellen Schnitzelfleisch beim Metzger. Kartoffeln und Eier für meinen norddeutschen Kartoffelsalat sind überall erhältlich. Die Gewürzgurken konnte ich in dem Makro-Supermarkt in der Nähe der Grenze besorgen. Paprika, Auberginen und Zucchini für italienische Antipasti gibt es auf jedem Markt. Wir verbringen den Vormittag des 24. Dezembers in der Küche. Das Wetter hat seit einigen Tagen auf Sturm gedreht. Abends wird es richtig kühl (20 Grad). Wir sind noch etwas angeschlagen und Friedrich behält am Abend seinen dicken Pullover an.

18 Uhr in der Gecko Bar. Die Gäste kommen und bringen viele Leckereien mit. Jean Pierre hat vielerlei Pasteten gezaubert. Die Thaifrauen bringen einheimische Spezialitäten mit. Tum, der Gecko Bar Inhaber, hat eine Band engagiert. Veronique, die Frau von Jean P bringt Nikolausmützen, Rentiergeweihe und selbstgemachte Kettenanhänger für Kinder und Erwachsene mit. Die Stimmung steigt. Als das Buffet mit einem Konfettitusch eröffnet wird, stürzen sich alle wie ausgehungert darauf. Es tauchen wie gewohnt auch einige Schnorrer auf, die nie etwas beitragen und noch nicht einmal ein Getränk bei Tum bestellen. Heute lassen wir es durchgehen. Es ist Weihnachten.