Bankrut 2

27.01.2024

Die Zeit rast. Wir sind schon 6 Wochen in Bankrut. 

Jeder der ganzjährig oder wie wir nur ein paar Monate hier lebt, geht tagsüber seinen Alltagsroutinen nach. In den frühen Morgenstunden bietet es sich an Sport zu treiben: Strandwandern, Walking auf asphaltierten Wegen oder Fahrrad fahren. In die Wellen stürzt man sich später. Einige frühstücken auf dem Morgenmarkt, andere kaufen sich nur etwas Obst, Friedrich holt sich Brot oder Brezel aus dem Café Bankrut und ich radele zu meiner Freundin Darat, die seit kurzer Zeit Reissuppe mit Fleischbällchen, Grünzeug und viel Knoblauch zum Kauf anbietet. Zuhause würze ich das Süppchen noch mit einer großen Portion Chili und brate Friedrich Eier. So kommt jeder auf seine Kosten.

Nachmittags gehen wir auf den Markt, lesen, chillen oder fahren ins nächst gelegene Städtchen. Donnerstags trifft man sich auf dem Donnerstagsmarkt auf ein Bierchen. Freitag und Montag spielen wir Boule. Samstag ist großer Markt, da kauft jeder für sich selbst ein, außer Jean Pierre kündigt an, dass er für alle Tapas zubereitet. Irgendwas ist immer.

Gefeiert wird hauptsächlich in der Gecko Bar. Nach Weihnachten folgt Dam's Geburtstag und Silvester. Es wird wieder fleißig gekocht und gebrutzelt. An Silvester geht es um kurz vor Mitternacht an den Strand, um Heißluftlaternen, die Glück im neuen Jahr bringen sollen, in den Himmel steigen zu lassen. Michael und Eh haben eine Laterne für uns organisiert und helfen uns sie anzuzünden und zu halten, damit sie sich mit heißer Luft füllt, um dann abzuheben und über das Meer zu schweben, bis sie unseren Blicken entweicht. 

12 Uhr: Happy New Year! Es ist so beglückend unter Freunden zu sein. Bis alle Freunde und Bekannte gute Wünsche für 2024 bzw. 2567 nach thailändischer Rechnung ausgetauscht haben, vergeht eine Weile. 

Plötzlich stelle ich fest, dass ich mein Handy zusammen mit einem leeren Glas am Strand auf einen Reisighaufen gelegt hatte, als die Ballonzeremonie begann. Das Glas finde ich sofort wieder. Direkt daneben hatte ich das Handy platziert. Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein. Der Rotwein hatte wohl seine Wirkung nicht verfehlt. Ich suche verzweifelt im Umkreis, kann kaum etwas sehen, denn es ist eine stockfinstere Nacht. Freunde kommen mit Taschenlampen zu Hilfe. Einer macht den Vorschlag, eine Belohnung auszusetzen. Friedrich wählt meine Nummer. Nichts zu sehen, nichts zu hören. Ich bin vollkommen außer mir, mein Mann schimpft zu Recht. Ohne Handy als Helfer in vielen Lebenslagen, mit den wichtigen Banking Apps, Buchungen, Emailkonten, Messenger Funktionen, Google, maps und den vielen gespeicherten Daten und Fotos fühle ich mich hilflos, fast nackt. Was soll ich nur tun?


Die Panik im Gesicht geschrieben, verlasse ich den Strand und gehe über die Straße zurück in die Gecko Bar. Da kommt mir Aim entgegen, die Schwester von Dam. Sie hält ein Smartphone in der Hand. Das gibt es doch nicht. es ist mein Handy. Sie erklärt, dass ein einheimischer Mann das Telefon am Strand gefunden und ihr übergeben hätte. Sie ist die Dorfvorsteherin von Bankrut, eine offizielle Position in der thailändischen Verwaltungsorganisation. Ich kann mein Glück nicht fassen und will wissen, wo der Mann jetzt ist. Ich möchte ihm einen Finderlohn geben. Aim bringt mich zu Baun, ihrer Mutter, die den Dorfladen gegenüber der Geckobar führt. Wir beratschlagen zu dritt, ob 500 Baht (15 Euro) nicht zu viel wäre. Ich lasse nicht locker. Der Mann soll sich genauso freuen wie ich. Er hat wenig Geld, wie ich erfahre und als ich ihm den Schein in die Hand drücke mit, meine Hände zu einem Wai zusammenlege, mich verbeuge und mich auf Thai vielmals bedanke Khop Khun Kah!! Er schaut verwirrt auf den Schein. Mutter und Tochter erklären ihm meine Motivation. Er lächelt, schwingt sich auf sein Fahrrad. Ich blicke dem ehrlichen Mann nach bis ihn die Dunkelheit verschluckt. Das Jahr fängt gut an. 

Etwas verkatert stehe ich am nächsten Mittag am Bahnhof. Friedrich hatte kaum etwas getrunken, ist topfit. Achim kommt mit dem Zug aus Bangkok pünktlich an. Voller Freude begrüßen wir uns. Wir empfehlen ihm das Bankrut Resort, etwa 3km vom Bahnhof entfernt und arrangieren einen Saleng. Friedrich und ich fahren mit dem Moped hinterher. Heute herrscht wegen der Silvesterfeier viel Verkehr in unserem kleinen Dorf. Wir müssen ein paarmal anhäalten und verlieren Achim aus den Augen. Vielleicht hat Lek , der Fahrer, einen anderen Weg gewählt. Im Bankrut Resort fragen wir, ob es freie Zimmer gibt. Positive Antwort, auch der Preis ist ok. Nur wo bleibt Achim? Nach 10 Minuten macht sich Friedrich auf den Weg. Ich warte weitere 5 Minuten und erhalte dann eine Signal Nachricht von Achim, dass der Fahrer ihn ins Hotel Suan Bankrut gefahren hat, in die genau entgegen gesetzte Richtung. Das Missverständnis klärt sich auf und Achim kann einchecken.

Jetzt braucht er noch ein Moped. Dam wartet schon. Wir hatten vorab reserviert. Sie werden sich über den Preis einig und kurze Zeit später nehmen wir Achim mit zu Michael und Eh. Hier treffen sich zweimal pro Woche zwischen 10 und 18 Leute, hauptsächlich Männer, um in verschiedenen Teams Boule zu spielen. Manche kommen nur zum quatschen, die Thaifrauen sitzen zusammen und ich geselle mich zu ihnen. Leckerlis für die 4 Hunde habe ich immer dabei. Bevor das Spiel beginnt, sitzen wir in der großflächigen, nur mit einem Dach versehenen Bar. Es gibt gekühlte Getränke für kleines Geld. Michael verdient daran nichts. Wer beim Boule verliert, zahlt 50 Baht in die Kasse, für einen guten Zweck. So kommt während des Jahres eine ganze Menge Geld zusammen, dass Ende Januar Susheep Siriphong übergeben wird. Er darf sich über 30000 Bahr freuen. Susheep organisiert jedes Jahr einen Helfertrupp, der das Dorf und die Schulkinder in Khiri Lom, einem einsamen Bergdorf an der Grenze zu Myanmar dabei hilft, bedürftige Familien und Kinder zu unterstützen. In diesem Jahr soll ein Haus gebaut, Lebensmittel und Schulsachen eingekauft und mit mehreren Allradfahrzeugen in die Berge geschafft werden. Einige der Ausländerfreunde mit ihren Frauen nehmen daran teil. 

Wir waren 2020 mit von der Partie. Ein Erlebnis der besonderen Art. Das ganze Dorf ist auf den Beinen und beköstigt die Wohltäter. Zu abendlichen Stunde führen die Kinder Tänze und Gesangseinlagen vor. Ein Lagerfeuer wird entzündet und man sitzt beieinander wie eine große Familie. Am späten Abend darf auch getanzt werden. Bis um 2 Uhr früh die unermüdlichen Thais ihren letzten Whiskey geleert haben, halten wir durch. Geschlafen wird in der Aula auf Betonboden ohne Unterlage. Friedrich wollte gar nicht mitfahren, weil er immer wieder versicherte, er könne nicht auf blankem Boden liegen. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, dass alle schlecht geschlafen hatten, nur Friedrich war sofort eingeschlafen und bis zum Sonnenaufgang nicht mehr aufgewacht. Zum Glück hatten wir Jacken dabei, denn um 6 Uhr morgens ist es frisch in den Bergen. Die Frauen des Dorfes waren schon wieder fleißig gewesen. Es gab Reissuppe und Hühnerfüße und in Stücke gehackten Schweinskopf. "Lecker". Wir begnügten uns mit einemä0 süßen Kaffee.

Schade, dass wir in diesem Jahr passen müssen. Friedrich hat noch immer Probleme mit seinem Bein nach dem Beckenbruch und braucht nachts eine gute Matratze.

Wir machen ein paar Ausflüge mit Achim. Er fügt sich schnell ein in die Gruppe und nach ein paar Tagen treffen wir uns erst abends in der Gecko Bar oder ab und zu mal am Strand. Jeder macht sein eigenes Programm und fühlt sich wohl dabei. Samstags, wenn der große Markt stattfindet, kaufen wir gemeinsam Lebensmittel ein, die wir bei uns zubereiten. Achim hat Lust Ceviche herzustellen, was besonders mich hoch erfreut, weil ich es so gern esse. Friedrich ist erst skeptisch, lässt sich dann aber überreden auch mal zu probieren. Snapper, Wolfsbarsch, Shrimps mit Knoblauch, Reis oder Nudeln, Salat, Gemüse, gehacktes Fleisch in scharfer Sauce, sauer eingelegtes Obst. Wir lassen es uns samstags gut gehen. Danach ist großes Treffen in der Gecko Bar, denn am Samstag kommen immer alle.

Urs, der Schweizer feiert seinen Geburtstag bei Michael. Ich helfe Eh beim Knoblauch schälen, für Pork mit Garlic. Außerdem hat sie Massaman auf dem Programm, ein Curry gewürzt mit Kardamon, Nelken, Ingwer und Kokosmilch. Super lecker. Im Süden Thailands an der Grenze zu Malaysia leben fast ausschließlich Muslime. Wörtlich übersetzt heißt Kaeng Masaman Muslim-Suppe. Die eigentliche Attraktion der Party ist das Käsefondue, dass Urs aus der Schweiz mitgebracht hat. In Kirschschnaps eingetauchtes Weißbrot in Käse gewälzt ist mal was ganz anderes auf dem Speiseplan.

Q geht es schlecht. Der hübsche, helle sehr zutrauliche Hund von Michael und Eh muss noch am Abend der Party zum Tierarzt ins 20km entfernte Thap Sakae gebracht werden. Michael setzt sich mit Tränen in den Augen neben seinen Hund auf die Ladefläche. Nach 2 Stunden kommt er ohne den Hund zurück. Vielleicht können sie ihn retten. Leider stellt sich am nächsten Tag heraus, dass Q es nicht geschafft hat. Er war beim Sprung über eine Mauer auf den Kopf gestürzt, orientierungslos, Gehirntrauma. Sie haben ihn eingeschläfert.

Nächste schlechte Nachricht, Stefans Frau Kwang verliert ihren nur 44 Jahre alten Bruder. Er verstarb plötzlich in einem Bangkoker Krankenhaus, wo er wegen Diabetes eingeliefert worden war. Kwang ist untröstlich und reist mit ihrem Sohn ab nach Bangkok, um der Familie beizustehen. Das vermeintliche Paradies befördert uns alle in die Realität.

Am Samstag bekommt Susheep feierlich die per Boule eingespielten 30000 Baht überreicht. Alle sind glücklich und feiern kräftig.

 Nur einen Tag später habe ich Geburtstag. Dieser Tag sollte eigentlich unspektakulär werden. Ich gebe einen Schnaps aus, fertig. Ich erkundige mich bei Dam, ob er etwas Besonderes hätte. Er schlägt mir vor, einen 25 Jahre alten Rum zu besorgen, den er mir zum Selbstkostenpreis überlässt. Einladungen spreche ich nicht aus. Wer da ist, bekommt einen Schnaps. Vormittags holen wir zusammen mit Audrey und Matthieu Anne und Kevin vom Zug ab. Wir drücken uns herzlich..."long time no see". Abends finden wir uns frühzeitig in der Gecko Bar ein. Kein Mensch zu sehen. Hätte ich doch einladen sollen? Keineswegs. Nach und nach trudeln die Freunde ein. Sie kommen alle, es hat sich herumgesprochen. Es wird gesungen, Geschenke überreicht, Kuchen ausgeteilt. Bei einem Schnaps bleibt es nicht. Nur Friedrich enthält sich tapfer in der feucht fröhlichen Runde.