Bankrut 3

05.02.2024




Der von den Einheimischen sehnlichst herbeigewünschte Regen stellt sich ein. Das Wort Regen trifft auf die vom Himmel stürzenden Fluten nicht wirklich. An Achims letzten Abend in Bankrut schaffen wir es nur mit Mühe und Dank unserer stabilen Regenumhänge die 3,5 km halbwegs trocken zum Restaurant seines Resorts zu gelangen, um mit ihm ein Abschiedsbier zu trinken. 

Am nächsten Mittag heißt es Abschied nehmen. Wir sind froh, noch hierbleiben zu können. Achim freut sich auf einen schönen Abend in Bangkok.

Das Wetter bleibt unbeständig. Auf der Rückfahrt von Ban Saphan werden wir von einem gewaltigen Regenguss überrascht. Die Regenponchos liegen zuhause im Schrank. Nachmittags sind wir immer noch nicht schlauer, fahren ohne Wetterumhänge zum Boule spielen. Gerade als das letzte Team sein Spiel beendet hat, ergießt sich ein sintflutartiger Wolkenbruch über das Land. Alle 14 Boule Teilnehmer müssen bleiben. Kein Problem, Michael hat den Kühlschrank voller Bier und Sodagetränke. Die Runde der Männer wird immer fröhlicher. 

Nach zweistündigem Monsunregen, der Michaels Grundstück in einen See verwandelt, trauen sich die ersten bei bereits eingebrochener Dunkelheit die Heimfahrt anzutreten. Es tröpfelt noch, wir wagen es auch. Normalerweise brauchen wir 15 Minuten bis in unsere Siedlung im Golden Sea Village. Petrus meint es nicht gut mit uns. Der nächste Sturzregen macht es fast unmöglich voran zu kommen. Im Schneckentempo bewegen wir uns fort. Es ist stockdunkel. Friedrich ist angespannt und versucht, die tiefen Pfützen zu vermeiden. Einige Straßen sind schon überflutet. Es herrscht gespenstige Atmosphäre. Die Natur zeigt uns ihre Kraft. Mensch und Tier hat sich in Sicherheit gebracht. Der Regen prasselt rhythmisch auf uns herab. Das Meer ist aufgewühlt. Niemand auf der Straße, weder Autos noch Menschen...nur Gesa und Friedrich, nass bis auf die Knochen tuckern durch das nächtliche Unwetter. In der Ferne sehe ich durch klatschnasses Haar, das mir um den Kopf weht, die Lichter unserer Siedlung. Bald haben wir es geschafft.

Moped abstellen, Tür auf, schon gleicht der Küchenboden einem See, als wir eintreten. Wir atmen auf, wechseln die Klamotten, putzen den Boden und machen uns eine Flasche Wein auf.

Nach wenigen Tagen ist die Monsunphase vorbei. Es wird drückend heiß, viel Luftfeuchtigkeit, nachmittags 34 bis 35 Grad. Die Sonne lacht...wir auch.

Kwangs Sohn geht für einige Zeit ins Kloster. Wir und viele andere Freunde sind eingeladen zur Mönchsweihe. Am Vortag bereiten die Freundinnen von Kwang unglaubliche Mengen an Speisen vor, die für die Mönche und die anwesenden Gästen gereicht werden sollen.

Um 10 Uhr vormittags finden wir uns im Tempel ein. Der junge Mann wird geschoren und die Augenbrauen werden abrasiert.

Nach und nach treffen alle Gäste ein. 5 Thaifrauen wirbeln in der Tempelküche umeinander. Sie haben am Vortag fleißig Vorbereitungen getroffen und bereiten seit 6 Uhr früh das Essen vor.

Kwangs Sohn Ari wird in weiße Kleidung gehüllt. Weiß ist Zeichen der Unschuld. Besonders in den Dörfern spielen Klöster eine wichtige Rolle. Es gehört zum guten Ton, dass Söhne in einer Zeit des beruflichen Übergangs z.B. vor oder nach dem Studium für eine gewisse Zeit Mönch werden. Sie bleiben für mehrere Monate, Jahre oder für immer im Tempel in der Gemeinschaft der Mönche. Wenn es einen Trauerfall gegeben hat, zieht oft der älteste Sohn, Enkel oder Neffe in den Wat, um gutes Karma für das verstorbene Familienmitglied, die Eltern und sich selbst zu erwerben.

Die Gäste werden in die Küche und angrenzende Gebetshalle gerufen. Das Buffet ist eröffnet, wir dürfen uns bedienen. Gemüsesuppe, Curryspeise, gehacktes Schweinefleisch, Huhn in Knoblauchsauce, Fischkrapfen und natürlich Reis bieten eine vielfältige Auswahl.

Eine Tür öffnet sich und 9 Mönche betreten den Altarraum der Gebetshalle. Wir nehmen auf Sitzbänken Platz. Der erste Teil der Zeremonie beginnt. Die Mönche murmeln Gebete in Pali sprache, eine Sakralsprache die im südostasiatischen Buddhismus verwendet wird, so wie Kirchenlatein im Katholizismus.

Der Novize kniet vor den Mönchen. Ein Helfer ist stets zugegen, damit die Rituale eingehalten werden können. Nach zwanzig Minuten beenden die heiligen Männer das Gebet und werden von den Gästen mit Speisen belohnt. Jeder von uns, der möchte, darf vorbereitete gefüllte Schalen direkt vor den Mönchen abstellen.

Es wird gelacht und sogar getanzt, denn ein bestelltes Auto mit installierter Musikanlage sorgt für Stimmung. Nach dem Essen ziehen sich die Mönche zurück. Nun beginnt die eigentliche Zeremonie. Wir marschieren zum Haupttempel. Mir wird die Ehre zuteil, ein mit Blumen geschmücktes Gefäß zu tragen. Es ist schwer. Wir stellen uns auf. Kwang und ihr Sohn ganz vorn. Ich als Trägerin der sich im Gefäß befindenden Glücksbringer daneben, der Rest der Gäste hinter uns. Nun müssen wir dreimal um den Tempel prozessieren. Die Frauen, die vorher gekocht haben und ein paar weitere einheimische Gäste tanzen zu der für diesen Anlass passenden Musik, die aus der Musikanlage herüberschallt. Es ist 12 Uhr mittags. Die Sonne brennt. Ich habe keine Kopfbedeckung und bin jedesmal froh, wenn wir nach einer Runde kurz im Schatten pausieren. Mein Gesicht ist knallrot. Ari hat es gut, er wird von einem Schirm beschattet, den ein dafür ausgesuchter Gast über ihn hält.

Endlich sind die 3 Runden geschafft. Wir steigen die Treppe hinauf. Ich darf das Gefäß im Inneren des Tempels abstellen. Zwei Männer heben den angehenden Mönch in den Tempelraum. Die Schwelle darf nicht mit Füßen betreten werden, denn in ihr wohnen Geister. Füße gelten als unrein.

Die Mönche sitzen sich in zwei Reihen gegenüber. Am Kopfende sitzt der Prior, der älteste Mönch, Vorsteher, ähnlich einem Abt. Nun folgt eine zweistündige Zeremonie, Gebete, Rezitationen, Litaneien. Wir sitzen im Schneidersitz am Eingang des Tempels und falten artig die Hände zum Wai.

Plötzlich zeigt einer der Gäste auf ein geöffnetes Fenster. Wir sehen, dass sich eine Schlange in den Watzu uns gesellt. Sie bewegt sich auf einem Sims entlang der Wand in Richtung der Buddha Statue. Wir verfolgen wie gebannt das sich vorwärts schlängelnde Reptil. Schließlich hat sie den Buddha erreicht, unter dem der Prior sitzt. Der oberste Mönch wurde informiert, dass sich eine Schlange in seiner unmittelbaren Nähe befindet. Er bleibt völlig cool. Die Schlange legt sich wie eine Kette um den Hals des Buddhas. Ein Raunen geht durch die Menge. Das muss ein Zeichen sein.

Ari darf nun kniend die von der Mutter erhaltene orangefarbene Mönchsrobe dem Prior überreichen, der sie segnet. Zwei junge Mönche helfen ihm beim Anlegen des typischen Gewands.

Nun muss Ari das eigentliche Gelübde ablegen. Der Novize bittet in die Mönchsgemeinschaft aufgenommen zu werden. Der Obermönch überreicht ihm die Almosenschale.

Mönche erhalten von der Bevölkerung Speisen. Dabei bedankt sich nicht etwa der Mönch für die Gaben, sondern der Mann oder die Frau, die gespendet hat, faltet die Hände zum Dank, dass der Mönch die Almosen angenommen hat. Buddhisten glauben, dass sie durch Spenden und gute Taten zu mehr Glück, Wohlstand und insgesamt zu besserem Leben auch nach dem Tod gelangen.

Die Ordination beginnt. Die Mönchsgemeinschaft erklärt dreimal, dass sie einverstanden ist, Ari aufzunehmen.

Der frischgebackene Mönch erhält von der Gästeschar Lotusblumen an denen kleine Geldscheine befestigt sind. Er steigt über die Schwelle aus dem Inneren des Tempels heraus und wirft in bunte Papiertütchen gewickelte Münzen den wartenden Freunden und Familienangehörigen zu. Dieses Ritual soll Glück bringen. Ari wohnt ab jetzt im Tempel.

Die Schlange war zwar ungebetener Gast, hat aber niemanden gestört. Sie entweicht auf demselben Weg, wie sie gekommen war, durchs Fenster zurück in ihr Habitat.

Neue Freunde sind angekommen, andere sind bereits abgereist.

Wir müssen ebenfalls das Land verlassen, wenn auch nur kurz.

Pünktlich werden wir von Bingo morgens um 8 Uhr mit einem PKW abgeholt. Bingo ist Resort Besitzer, der auch ab und zu Taxifahrten übernimmt.

Er bringt uns in rasanter Fahrt über die Autobahn in nur zweieinhalb Stunden nach Ranong, einem Grenzort zu Myanmar an der Andamanensee. Hier können wir für ca 55 Euro pro Person Thailand für kurze Zeit verlassen und werden mit einem Motorboot auf eine Insel gefahren, die zu Myanmar gehört. Die Fahrt dauert nur 10 Minuten.

Die Ausreise ist nötig, da wir mit Touristenvisum eingereist waren, dass uns erlaubt für 60 Tage im Land zu bleiben.Wenn man weitere 60 Tage in Thailand verbringen möchte, muss man zwingend das Land kurz verlassen, um einen neuen Einreisestempel zu erhalten. In Ranong werden wir ausgestempelt, Auf der Insel geben wir die Pässe ab. Die Einreisekärtchen für Myanmar füllen die Immigrationbeamte aus. Etwas Service kann man ja erwarten für sein Geld.

Der bereitstehende Bus bringt uns ein paar hundert Meter den Hügel hinauf in das einzige Hotel. Sonst gibt es nur Natur. Im Hotel befindet sich ein duty free shop, ein Casinobetrieb, und ein Restaurant. Thais kommen zum Spielen, Touristen zum Visa-oder Borderlauf. Wir waren schon einmal hier und wollen nicht lange verweilen. Nach kurzem Aufenthalt geht es mit dem Boot zurück auf die thailändische Seite. Bei der Einreise läuft alles glatt, Visa werden akzeptiert und Bingo steht bereit. Die Rückfahrt dauert etwas länger. Wir können uns zurücklehnen und dösen. Unser armer Fahrer hingegen muss konzentriert bleiben und direkt anschließend an den Herd. Er ist der Koch in seinem Resort und bald kommen die ersten Gäste zum Abendessen.

Bei Susheep und Sunee im Gartenrestaurant ist ständig Hochbetrieb. Wir hocken mal mit den 6 Wienern zusammen, mal ergibt sich ein Abend mit Michael, Eh und Charlie, fast immer ist Andi dabei. Zu zweit sind wir nur daheim und da trifft man uns immer weniger an. Zumindest Friedrich ist ständig auf Achse. Ich sitze gern am Meer, besonders wenn es stürmisch ist.

Sonntag geht es in großer Runde zum Mittagessen direkt in den bayrischen Himmel. Eddi, ein gestandener Bayer hat hier seinen Traum verwirklicht, richtig Geld in die Hand genommen und in Bankrut ein bayrisches Lokal aufgemacht. Das dazugehörige Resort ist noch in Arbeit. Es gibt Weizenbier, Haxe, Schweinsbraten mit Knödeln und Kraut, Käsespätzle, Schnitzel, Gulasch....alles, was das deutsch/österreichische Herz begehrt.

Wir sind über 20 Leute, nur die zwei anwesenden Thaifrauen haben nicht so viel Vergnügen an der Mahlzeit. Zugegeben, so richtig passt das fette Essen nicht in die Landschaft. Wenigstens ist es heute nicht so heiß wie sonst. Ein paar Regenschauer haben die Luft auf 28 Grad abgekühlt. Die Qualität der Speisen ist fantastisch, doch die Portionen zu groß. Egal, wir lachen viel, spielen nebenbei Pool und haben jede Menge Spaß.

Um sechs Uhr abends große Verabschiedung...nur um zehn Minuten später alle wieder in der Gecko Bar aufzutauchen. Jetzt brauchen wir einen guten Schnaps. "Das Leben ist hart, aber wir sind härter."