Vietnam Beitrag 2

01.12.2023

In Hanois Altstadt herrscht unbändige Betriebsamkeit. In den ersten Tagen mussten wir viele Pausen machen. Heute ist endlich ein Ausflug geplant. Es gibt einen neuen Touristenbus, der nicht nur quer durch das Old Quarter, sondern auch um den gesamten Westlake fährt. Normalerweise meiden wir diese oft überteuerten Touren, aber Friedrichs verminderte Lauffähigkeit lässt uns keine Wahl.

Das Wetter ist ideal, 28 Grad bei Sonnenschein. Wir sind nur 4 Passagiere in dem 20 Sitzer. 3 Tourguides kümmern sich mit ihrem spärlichen Englisch um uns. Sie sagen die jeweilige Sehenswürdigkeit an. Sie stellen uns ein paar Fragen, die wir auch schon den Kindern am See beantwortet hatten. Für weitere Erklärungen oder Konversation reichen ihre Sprachkenntnisse nicht.

Wir könnten an 13 verschiedenen Stationen aussteigen und nach Besuch der Museen, Tempel, Pagoden oder Opernhaus in den nächsten Bus, der alle 30 Minuten vorbeikommt, wieder einsteigen. Friedrich hat keine Lust auszusteigen. Wir waren ja schon 2mal in Hanoi und kennen die meisten Sehenswürdigkeiten. Also bleiben wir einfach sitzen und genießen die Aussicht. 


Am Opernhaus steigen wir dann doch aus und suchen ein nettes Restaurant. Friedrich traut sich trotz seiner Allergie eine vietnamesische Speise zu bestellen. Er hofft, dass bei einer Art Schnitzel keine Geschmacksverstärker verwendet werden. Ich bestelle mir Cha Ca, ein Fischgericht mit frischen Kräutern.

Nach einer Stunde können wir den nächsten Bus besteigen, der uns an den Ausgangspunkt am nördlichen Seeufer, mitten in der Altstadt zurückbringt. Gegen Abend machen wir dieselbe Tour noch einmal und genießen die Abendstimmung am Westlake. Zurück in der Altstadt umtost uns der Verkehr. Vom Bus aus beobachten wir entspannt das Chaos, dass sich erstaunlicherweise immer wieder auflöst. Scheinbar gibt es doch eine Ordnung in dem Gewirr. Wir wundern uns, dass wir keine Unfälle sehen.

Eine Pause im Apartment gönnen wir uns, bevor wir Richtung Bia Hoi Corner aufbrechen. Wir haben Glück. Heute am Montag ist die Zone, in der die sympathische Familie ihren Stand hat, geöffnet.

Wir nehmen auf den Mini-Stühlen Platz. Friedrich sucht sich eine halbwegs bequeme Sitzposition, verstaut seine Stöcke und schon setzt sich ein Paar neben uns. Die Amerikaner sprechen uns an und nach wenigen Minuten unterhalten wir uns angeregt. Die beiden Mittsechziger unternehmen eine Weltreise.

Vor uns mit Blick auf die Straße sitzt ein Asiate mit seiner Partnerin. Der Mann dreht kurzerhand die Stühle in unsere Richtung. Er möchte sich mit uns unterhalten, deswegen wären wir doch alle unterwegs, um mit Menschen aus anderen Ländern zu kommunizieren stellt er fest. Selbstverständlich! Dieses Paar stammt aus Südkorea. Die beiden haben lange in Kanada gelebt. Ihre erwachsenen Kinder leben noch immer dort. Auch diese beiden Zeitgenossen sind weitgereist. Als sich zwei junge Leute zu uns setzen lädt der Koreaner sie sofort ein von sich zu berichten. Sie stammen aus Italien, leben jedoch in Australien und leben dort von Aushilfsjobs. Sie haben ihre Berufe als Krankenpfleger/in nach Corona an den Nagel gehängt. In Australien verdienen sie Geld, um dann ein paar Monate durch Asien zu reisen.

Der 69jährige Koreaner, der wesentlich jünger wirkt, erzählt uns, dass er nur diesen einen Platz hier in Hanoi beim Bia Hoi kennt, wo er Kontakt zu jungen Leuten bekommt. In Korea und anderswo auf der Welt würden junge Erwachsene den Kontakt zu Älteren meiden. Diese Erfahrung teilen wir leider. Um so schöner, dass wir heute hier sind.

Beschwingt beenden wir den Abend in einer kleinen Kneipe in der Nähe unserer Behausung. Friedrich hat die Strecke ohne Pause bewältigt. 

Bia Hoi ist ein frisch gebrautes Lagerbier, das ohne Konservierungsmittel hergestellt wird und nur einen Tag haltbar ist. Es schmeckt wunderbar frisch, hat nur 3 % Alkohol, wird eiskalt in 0,2l Gläsern für kleines Geld verkauft.

Wie in den meisten Straßenrestaurants sitzt man auf kleinen Plastikschemeln. Besonders an dem Stand in der Luong Ngoc Straße lernen sich die Gäste schnell kennen. Einheimische mischen sich unter die Travellergemeinde und knüpfen Kontakte. Nicht selten treffe ich hier Menschen unterschiedlichster Nationen, aus Kolumbien, Russland, Schweiz, Australien, Israel, Ägypten, einträchtig beieinander. Kinder im Schlafanzug wuseln um die Bier ausschenkende Mutter herum. Der Vater verkauft gebratene Hähnchenspieße und frisch gegrillten Tintenfisch. Es herrscht eine vertraute Atmosphäre, obwohl wir uns gerade erst kennengelernt haben.

Damals konnten sich nur reiche Bürger das Reis-Malzgetränk leisten, denn Glas war teuer und wie sollte man das Bier ohne Konservierungsstoffe anders lagern? Mehrwegfässer waren die Lösung. Frühmorgens gebraut, am selben Tag geleert. Nach Abzug der Franzosen verhalfen Tschechen den Vietnamesen die Bierbrauerei zu vervollkommnen.

In der noch jungen Bierkultur gibt es inzwischen verschiedene Biersorten, die in Flaschen oder Dosen verkauft werden. Elegante Bars bieten unterschiedlichste Biermarken aus Hanoi, Saigon oder Danang an. In derart Lokalen geht es gediegen zu. Betuchte Gäste suchen nach dem besonderen Biererlebnis.

Dagegen ist Bia Hoi ein Stoff, der die Gesellschaft zusammenhält. Es gibt in Hanoi Biergärten, in denen sich nur Regierungsbeamte treffen, andere wo sich Arbeiter zuhause fühlen. In der Altstadt jedoch trifft der Uni-Professor den Fischverkäufer, die Schneiderin den It-Spezialisten.

Beim fünften Gläschen entzünden sich Diskussionen oder die Frühaufsteher machen ein Nickerchen. Es gibt immer einen Grund, sich auf einen der Minihocker niederzulassen, um ein paar Becher des süffigen Durstlöschers zu leeren.

Die nächsten Tage streunen wir durch die Altstadt. Das Leben in den 36 Straßen der Vergangenheit,  heute auf 70 Straßen gewachsen ist so bunt und quirlig, für uns die interessanteste Sehenswürdigkeit.

Bis spät abends findet das Leben in der Altstadt auf der Straße statt. Es wird frisiert, gerupft, gekocht, Geschirr gewaschen, Zähne gezogen. Moped-Rangierer vor Restaurants schaffen Platz für die nächsten Gäste. Plastikmüllsammler durchforsten Abfallbehälter. Losverkäufer werben für Gewinne. Um Mitternacht ist Sperrstunde. Die Jugend geht noch nicht heim. Eingeweihte feiern hinter verschlossenen Türen weiter.

Dieses Viertel war früher eine autarke Stadt in der Stadt. Kanäle und Wasserstraßen durchzogen das Gebiet. Zum Schutz war die Ansiedlung umringt von Deichen und Wällen. Später errichtete man Stadtmauern, deren Tore nachts abgesperrt wurden. Im 19. Jahrhundert ließen die französischen Kolonialherren die Wasserwege zuschütten, sodass ein Labyrinth aus verzweigten Gässchen entstand.

In der Hoffnung auf ein besseres Leben migrierten Handwerker, Händler, Künstler aus Dörfern der näheren Umgebung. Einige kamen sogar aus dem hohen Norden des Landes. Jede Gasse entwickelte ihr Eigenleben, denn die Menschen setzten ihre Dorfgemeinschaft in der neuen Heimat fort. Die Zahl 36 bezieht sich vermutlich auf die Anzahl der Gilden, die es im 15. Jahrhundert gab. Heutzutage erstreckt sich das Areal der Altstadt über mehr als 70 Straßen.

Es gibt Gassen für Metallwaren, Küchenutensilien, Ausstatter Shops für Mönche. In der Hang Bac Straße bestimmt Silber den Alltag. Die Handwerker dort lassen es sich nicht nehmen, den Schmuck selbst herzustellen, um ihr Erbe zu bewahren. Seide findet man in der Hang Gai. Läden voller bunter Stoffballen, flankiert von Kunstgalerien, Maßschneidereien zwischen Souvenirshops und Cafés ziehen die Touristen an, wie Mücken das Licht.

Abends lässt Friedrich sich manchmal von einem Rikschafahrer die letzten 800m chauffieren. Am ersten Tag hat man uns noch abgezockt, jetzt kennen wir die Preise. Wenn ein Cyclist eine zu unverschämte Summe verlangt, entwickelt Friedrich wundersame Kräfte und läuft und läuft. 

Wir treffen wir den Koreaner mit seiner Frau wieder bei Madame Hoi, wie wir sie jetzt nennen. Wir haben tolle Gespräche und verabreden uns für nächstes Jahr, same time, same place.

In der Ban Dam Straße baut man extra für uns ein Tischchen auf mit zwei Kindergartenstühlchen. Auch hier kennt man uns schon.

Ein Vietnamese vom Nebentisch, gut geleidet, etwa 40 Jahre alt, fragt, ob er sich kurz zu uns setzen darf. Er macht uns Komplimente, weil wir in unserem hohen Alter noch weite Reisen unternehmen.  Er möchte uns so gern seinen 4 Kindern vorstellen. Seine Visitenkarte zeichnet ihn als Direktor einer Gabelstaplerfirma aus. Die Männerrunde hinter uns wären seine Angestellten, die zum Leichenschmaus eines kürzlich verstorbenen Kollegen zusammengekommen sind. Obwohl der Verstorbene erst 48 Jahre alt war, wird feucht fröhlich gefeiert. Man freut sich, weil man selbst noch lebt, erklärt uns der Mann.

Tanh lädt uns ein, ihn zuhause zu besuchen. Wir bedanken uns freundlich, wissen aber nicht so recht, was wir davon halten sollen. Es fängt an zu regnen. Zeit zu gehen.